Immersion ist eine Ausstellungsreihe, die den Neuen Medien gewidmet ist. Dabei soll die Bereicherung der menschlichen Wahrnehmung durch den Einsatz Neuer Medien im Vordergrund stehen. Die Ausstellungsreihe widmet sich den drei aktuellen Arbeiten von Jean Michel Bruyère, wovon zwei ihre Weltpremiere in La Filature feiern.
Le Chemin de Damastès
Jean Michel Bruyère / LFK-lafabriksChoreographie medizinischer Betten (Frankreich) | foyer haut | Weltpremiere | Eintritt frei
Skulpturale als auch choreographische Elemente prägen diese einfach anmutende und doch komplexe Installation.
Über Behandlungsbetten sind Leuchtstoffröhren angebracht, die für taghelles Licht sorgen. Die Kopf- und Fußenden der in Reihe stehenden Liegen fahren unablässig hoch und runter, wobei die Bettgestelle kontinuierlich knarren. Die Bewegungen werden vom Computer aus gesteuert und synchronisiert.
In diesem Werk demonstriert Jean Michel Bruyère abermals seine metaphorische Ausdruckskraft, indem er die profane Definition des Bettes, verstanden als bloßen Ruhe- und Sterbeort, durchbricht und auf seine ursprüngliche Bedeutung, auf das Bett als Symbol des menschlichen Körpers, verweist.
Damastes (auch Prokrustes oder Polypemon genannt) ist eine Figur aus der griechischen Mythologie. Er lebte in Athen am Weg, der nach Megara führte. Durchreisende zwang er dazu, sich in sein Bett zu legen. War der Fremde zu groß für das Bett, so hackte er ihm Füße und Beine ab, bis er exakt hineinpasste. War der Mensch zu klein, so streckte er dessen Glieder, bis auch er das Bettmaß annahm. Die Idee der Uniformisierung der Welt nahm ihren Lauf...
CaMg(CO3)2
schamanischer SalonJean Michel Bruyère / LFK-lafabriksVideo-Installation (Frankreich) | salle de répétition de l’OSM | Eintritt frei
CaMg(CO3)2 – chemische Formel von Dolomit – ist eine schamanische Reise mit Hightechgefährt. Archaische Objekte mit starker Symbolkraft, Kunsthandwerk und modernste Bild- und Tontechnik treffen aufeinander.
Dieses bedeutende Werk trägt die typische Handschrift der Künstlergruppe LFKs, die in ihren Arbeiten stets überraschende Versatzstücke aus Kulturgeschichte und Gegenwart verbindet als auch soziokulturelle Aspekte der globalen Gesellschaft thematisiert und durch Kontrastierung von Begriffen das sprachliche Bedeutungssystem hinterfragt.
Der Film, der mit einer Panorama Camera und 360°-Videoaufnahmen realisiert wurde, zeigt einen virtuellen Flug durch die italienischen Dolomiten. Er ist eine Reflexion über das Motiv der Reise, der spirituellen Reise, wie sie von initiierten Schamanen beschrieben und noch heute von Amerindianern und Tongusen bei tribalen Versammlungen vollzogen wird. Für Jean Michel Bruyère kann in der Kunst «kein technischer Fortschritt die Voraussetzungen für das Erscheinen von etwas Neuem ermöglichen ohne (...) an eine Rückwärtsbewegung, eine historische Vertiefung, eine überraschende Abwandlung der Gründermythen und an unsere Interpretation des Wirklichen gebunden zu sein. Künstlerisches Schaffen bedeutet zunächst, das Alte neu zu weisen, Bekanntes mit Gewalt zu verrücken und dadurch den notwendigen Freiraum für das Aufkommen von Neuem zu schaffen. Und zu einer solchen Gewalt sind die Spitzentechnologien fähig.» Auf diese Weise öffnet CaMg(CO3)2 die Horizonte der künstlerischen Wahrnehmung und bietet eine Vielzahl an Blickwinkeln, die den virtuellen Flug zu einer faszinierenden spirituellen Reise machen.
Umportéponge
de Jean Michel Bruyère / LFK-lafabriksSkulptur – akustisches Gedicht – Video (Frankreich) | salle de répétition | Weltpremiere | entrée libre
LFKs entwirft «Gedankenräume», die sie selber «STANsapienZA» nennt. Es sind Rückzugsorte der Ruhe, Räume des Sonderbaren, in die man eintaucht, die ihren Besucher umfangen, ihn in einen eigenartigen körperlich und geistigen Zustand versetzen, der das Loslassen und den freien Gedankenfluss ermöglicht. Die Räume sind verschiedenartig gestaltet: in Form von Bergen, Anhäufungen oder Aneinanderreihungen von Gegenständen, Klang- und Bildelementen: Skulpturen, Malereien, Videos, Musik, Klanggedichte...
LKSs entlehnt ihre Themen zumeist den westlichen Mythologien des Altertums (archaische, hellenistische, christliche...) – Pfeiler und Fundament unserer Weltanschauung – und macht sich die neueste Technik und die moderne Sprache zunutze, um eine neue Form der Wahrheit in Erscheinung treten zu lassen.
Umportéponge (Wortspiel mit dem französischen Ausdruck für Schwammhalter) setzt sich aus Videofilmen, einer Skulptur und einem langen Klanggedicht zusammen. Die Arbeit basiert auf der Legende des einfachen römischen Soldaten Stephaton (oder Calpurnius), der Christus am Kreuz im Augenblick seines Todeskampfes einen mit Wein getränkten Schwamm an die Lippen reichte.
Demzufolge durchströmte Jesus von Nazareth bei seinen letzten Atemzügen der Duft und Geschmack von Wein. Bis zu diesem Moment schien sein Leben einzig der Transzendenz und seinem Gott zu gehören, doch durch die Geste des Soldaten, starb Christus bei einem dionysischen Kuss. Jean Michel Bruyère formuliert es so: «Sein letzter Atemzug war erfüllt vom Dunst des Alkohols, die Lippen an den weingetränkten Schwamm gepresst, so küsste der von seinem Herrn verlassene Jesus von Nazaret die irdische Welt, in der Mensch, Tier und Gott – wie könnte es schöner sein? sich vereinen.»