Christoph Marthaler ist eine Galionsfigur des europäischen Theaters. Choreografie und Musik sind feste Bestandteile seiner schrägen, oft burlesken Inszenierungen. Wie keinanderer versteht er es Geheimnisse in Szene zu setzen, solche, die schamhaft verschwiegen werden und sich durch ein seltsames oder ängstliches Verhalten offenbaren, die die Stimme beschlagen, den Körper verspannen, die durch das rissig gewordene Netz der menschlichen Gebärden hindurchscheinen und die Geheimnisträger in ihrer Ungeschicktheit, ihrem Leid ungewollt komisch in Erscheinung treten lassen. Erbarmungslos entlarvt Marthaler Heuchelei und Ressentiments in seiner Inszenierung der Horváthschen Geschichten aus dem Wiener Wald. Das Stück entstand Ende der 1920er Jahre im von der Wirtschaftskrise gebeutelten Deutschland, einer Krise, die von den Nationalsozialisten geschickt zum Wählerfang genutzt wurde. Die gesellschaftlichen Phänomene, die Horváth behandelt, sind in gewisser Weise auf die aktuelle Situation in Deutschland übertragbar. Im heutigen Berlinverklärt man viel und gerne die DDR-Vergangenheit, vielleicht um der Gegenwart zu entkommen… In den Geschichten aus dem Wiener Wald geht es ebenfalls um Ewiggestrige, Vergangenheitsgläubige, die Begriffen wie «Heimat», «kulturelle Werte» und «Religion» nachsehnen. Das Bühnenbild scheint in seinem Kitsch ebenfalls aus vergangenen Zeiten zustammen – eine typische Berliner Gaststätte, der Eingang eines Wiener Kinos, in dem nuralte Filme laufen... – Der engagierte und für seine überschäumende Kreativität bekannte Regisseur Marthaler wirft in dieser Inszenierung einen kritischen, scharfsinnigen aber auch humor- und liebevollen Blick auf die menschliche Natur.
Die Konferenz fällt aus. Die Gründe hierfür sind nicht von uns verschuldet.
Mittwoch, 26. März 2008 um 18 Uhr
Vortrag | Eintritt frei
Terre-patrie et psychanalyse anlässlich dieser Vorstellung wird eine Konferenz FEDEPSY von Jean-Pierre Adjedj geleitet, Psychiater und Psychoanalytiker.